Polens Heiliger Krieg – Die lange Geschichte verfeindeter Fußballfans in Kraków

Text: Jan Dohrmann
Bild: „Lechia Gdańsk i Wisła Kraków na stadionie miejskim w Krakowie.“ / Gemeinfrei, Originalquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lechia_Gdansk_%26_Wisla_Krakow.jpg

Die Hooliganszene aus Polen sticht im europäischen Vergleich nicht nur durch ihren Umfang hervor (entsprechende Gruppierungen bestehen bis in die 7. Liga), sondern vor allem auch durch ihre Brutalität und ihre Nähe zum Rechtsextremismus. Massenhafte Auseinandersetzungen untereinander und mit der Polizei sind im polnischen Fußball die Regel; antisemitische, rassistische und gewaltverherrlichende Plakate sind auf fast allen Tribünen zu sehen.

Besonders berüchtigt ist die Feindschaft zwischen den Anhänger*innen von Wisła Kraków und KS Cracovia. Das Lokalderby der beiden ältesten Fußballvereine Polens wird von den Fans seit Jahrzehnten als „Święta Wojna“ (dt.: Heiliger Krieg) bezeichnet. Der Begriff stammt aus den 1920er Jahren, als ein Cracovia-Spieler beim Betreten des Spielfeldes gesagt haben soll: „Na, meine Herren, wir gehen jetzt in den heiligen Krieg“. Dieser Krieg wird jedoch nicht nur auf dem Rasen, sondern vor allem auch auf den Straßen Krakóws ausgetragen.

Mit den „Sharks“, Fans von Wisła, und der „Jude Gang“, einer Cracovia-Gruppe, stehen sich fast eintausend organisierte, gewaltsuchende Fußballfans gegenüber, die sich die Stadt untereinander aufteilen. Sie sind die einzigen polnischen Hooligans, die in ihren Auseinandersetzungen „offiziell“ von Waffen Gebrauch machen. Immer wieder berichten Medien von Überfällen mit Macheten, Äxten und Baseballschlägern auf Mitglieder des gegnerischen Lagers. Oft trifft es auch Unbeteiligte, die sich nur im falschen Stadtviertel aufhalten oder die falschen Kneipen besuchen. Wie viele Todesopfer dieser Konflikt schon gefordert hat, ist schwer zu sagen.

Auch wenn der Fußball längst in den Hintergrund geraten ist und es nur noch um Machtspielereien und organisierte Kriminalität wie Drogenhandel und Prostitution geht, wird immer wieder der Versuch unternommen, die Feindschaft mit den unterschiedlichen historischen Ursprüngen der Vereine zu erklären. Beide Vereine wurden 1906, als Kraków Teil des Habsburgerreiches war, gegründet. Während sich die Anhänger*innen von Wisła ihre Wurzeln in den Bewegungen der nationalen Befreiung sehen, werfen sie Cracovia ein Kollaborationsimage vor. Cracovia und seine Fans nehmen immer wieder Bezug auf ihre lange jüdische Tradition, die Wisła-Hooligans gelten als ultranationalistisch und antisemitisch und fallen regelmäßig mit Ausrufen wie „Juden ins Gas“ auf. 2006 ritzen sie einem 17-Jährigen mit einem Tapeziermesser ein Hakenkreuz in den Rücken.

Im Gegensatz zu großen Teilen des ehemaligen Ostblocks, sind gewalttätige Hooligans in Kraków auch kein Phänomen des Postkommunismus. Vielmehr schaut die Stadt auf eine lange Tradition gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Fußballfans zurück. Bereits im Oktober 1943, Kraków war zu der Zeit unter deutscher Besatzung, kam es zu einem denkwürdigen Ereignis: Obwohl Pol*innen das Fußballspielen von dem Generalgouverneur untersagt worden ist, wurde vor 10.000 Zuschauer*innen eine Partie zwischen Wisła und Cracovia ausgetragen. Als Schiedsrichter wurde aus Mangel an Alternativen (viele Persönlichkeiten des Sports sind dem deutschen Nazi-Terror zum Opfer gefallen) ein ehemaliger Spieler von Cracovia eingesetzt, welcher sich als wenig unparteiisch erwies. Nach einem fragwürdigen Elfmeterpfiff stürmten Wisła-Fans auf das Spielfeld und bedrängten den Schiedsrichter sowie Spieler des gegnerischen Teams. Mit den herbeieilenden Cracovia-Fans begann eine Massenschlägerei, die sich bis in die Innenstadt von Kraków zog. Der SS-Führer in Kraków soll das Ereignis wie folgt kommentiert haben: „Das sind Fußballanhänger? Ach, lasst die sich prügeln“.

In der Geschichte der mehr als vier Generationen andauernden Feindschaft zwischen Wisła und dem KS Cracovia gab es eine einzige Waffenruhe: Als der polnische Papst Johannes Paul II. im April 2005 im Sterben lag, versammelten sich mehr als 25.000 Fans aus beiden Lagern und entzündeten gemeinsam Kerzen. Bei dem nächsten Stadtderby – Ende Mai 2005 – kam es bereits wieder zu massiven Ausschreitungen.

Mehr Informationen:
https://sports.vice.com/de_de/article/der-heilige-krieg-von-krakauer-hooligans-ein-echter-krieg
http://www.11freunde.de/artikel/vor-dem-krakauer-derby-wisla-gegen-cracovia
http://www.zeit.de/sport/2011-02/hooligans-polen-krakau-em2012/komplettansicht
http://www.spiegel.de/sport/fussball/hooligans-in-krakau-mit-messern-und-macheten-a-784247.html
http://www.derbys.org/osteuropa/krakow-derby-cracovia-krakau-wisla-krakau/

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