Bremer Studierende in Kraków

Text: Theresa Hornke
Foto: Marieke Wist

Reisebericht Krakau, Exkursion vom 25. bis 29. Januar 2017

Am 25. Januar haben sich motivierte Abenteurer*innen der Universität Bremen auf eine studentische Exkursion nach Krakau in Polen begeben. Rund um den 27. Januar, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, wollten wir außerhalb von Seminaren und Vorlesungen das Gedenken und Erinnern an die Gräueltaten der Schoah in den Mittelpunkt unserer Exkursion stellen. Weitere Themenschwerpunkte waren die polnische Erinnerungs- und Geschichtspolitik, die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in der modernen Kunst und das jüdische Leben Krakaus.

Unsere Exkursionsgruppe setzte sich aus 14 Studierenden verschiedener Studiengänge zusammen, vorwiegend der Integrierten Europastudien und der Geschichte. Wir verfolgten das gemeinsame Interesse, eine eigenständig organisierte Fahrt zu gestalten und aktuelle Tendenzen der Erinnerung zu erarbeiten.

Nach einer langen Anreise mit Bus und Bahn quer durch Deutschland und Polen bereiteten wir uns am Abend der Ankunft in einer Vorbesprechung auf den kommenden Tag vor. Vorgesehen war eine Besichtigung der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.

Den ersten Tag in Südpolen verbrachten wir in dieser Gedenkstätte sowie in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim. Eine Führung durch das Stammlager Auschwitz mit anschließender individueller Besichtigung der Länderausstellungen gab uns einen Einblick in das Areal des ehemaligen Konzentrationslagers. Die Zeit war aber bei Weitem nicht ausreichend, um einen umfassenden Überblick zu erhalten. Nach einem gemeinsamen Mittagessen in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim besuchten wir das Außenlager Auschwitz-Birkenau. Dort hatten wir ohne Führung Zeit, uns eigenständig auf dem unfassbar großen Gelände umzuschauen. Dabei hörten wir Kurzreferate von Exkursionsteilnehmer*innen über die Hintergründe zu diesem Ort. Der intensive Tag endete mit vielen Fragen und Eindrücken, welche uns die gesamte Exkursion und darüber hinaus begleiteten. Insbesondere die Aufarbeitung der Länderausstellungen sowie der Umgang anderer Besucher*innen mit der Gedenkstätte führten zu kontroversen Diskussionen in unserer Gruppe.

Der kommende Tag war geprägt von Gesprächen über kürzlich Erlebtes. Dabei erkundeten wir die Stadt zum ersten Mal bei Tageslicht. Zunächst zeigte uns eine Stadtführerin Teile der Altstadt, darunter den Wawel mit seinen vielen prachtvollen Grabstätten sowie etliche Kirchen. Die weitgehend unzerstörte Architektur der Stadt begeisterte uns. Die gotischen und barocken Bauwerke dominieren in meist gut erhaltenem Zustand das innere Stadtbild und laden zum Flanieren durch die Straßen ein.

Am Nachmittag bei einem Stadtspaziergang durch das Viertel Kazimierz verflog auch der Rest des Tages. Die für lange Zeit unabhängige Stadt diente als kulturelles Zentrum des jüdischen Lebens. Hier sind auch heute noch viele erhaltene oder wieder aufgebaute Synagogen zu finden. Stolpersteine und Gedenktafeln erinnern an jüdische Personen des öffentlichen Lebens, die mehrheitlich während der Schoah vernichtet wurden. Es gibt viele Restaurants mit israelischer Küche sowie Buchhandlungen mit Büchern auf jiddischer und hebräischer Sprache. Dennoch ist die traditionsreiche und einst große jüdische Gemeinde nur noch in kleiner Zahl vorhanden.

Auch die Gentrifizierung des Viertels ist in vollem Gange. Überall findet man Kneipen mit Flaschen als Kerzenständer und man bekommt Cocktails in Einmachgläsern serviert. Es gibt unendlich viele kleine Cafés, Galerien, schicke Restaurants und moderne oder auf wenig sanierte Häuser zeichnen das Viertel aus. Auf der Straße trifft man viele junge Krakauer*innen.

Dass an diesem Tag der Internationale Gedenktag an die Opfer des Holocausts und Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau war, bemerkte man in der Stadt kaum, auch nicht in Kazimierz. Lediglich die verkürzten Öffnungszeiten der Synagogen für Besucher*innen gaben einen Hinweis darauf.

Unseren letzten Tag in Krakau begannen wir mit einem ausgedehnten Spaziergang entlang der Weichsel durch die Stadt. Unser Ziel war das MOCAK (Museum of Contemporary Art in Kraków), um die Ausstellung des Künstlers Zbigniew Libera sowie die Daueraustellung verschiedener vornehmend polnischer Künstler*innen anzuschauen. Schon der Weg zum Museum war ein Ausflug für sich, der Weg führte an vielen Sehenswürdigkeiten und legendenumwobenen Bauten außerhalb der Altstadt entlang. So entdeckten wir ein Stadion, sozialistisch geprägte Architektur, Denkmäler, Neubausiedlungen und Industriegebiete.

Mit dem Hintergrundwissen zweier Kurzreferate über die polnische Kunstszene und deren Entwicklung seit 1989 ausgestattet konnten alle Exkursionsteilnehmer*innen nach persönlichen Interessen durch die Ausstellungen gehen.

Auf dem Rückweg entschieden wir uns mangels Zeit und Fitness für die öffentlichen Verkehrsmittel, denn im Anschluss stand schon der nächste Programmpunkt auf der Tagesordnung. Wir trafen uns mit Marcin Jarząbek, einem Dozenten der historischen Fakultät der Universität Krakau. Er nahm sich die Zeit, für unsere Gruppe einen informativen und spannenden Vortrag über die aktuelle Geschichts- und Erinnerungspolitik Polens zu halten, Fragen zu beantworten und mit uns über unsere Eindrücke der letzten Tage zu diskutieren.

Das vielfältige und abwechslungsreiche Programm gab uns die Möglichkeit, uns in den verschiedensten Kontexten mit der Erinnerung Polens an den Holocaust auseinanderzusetzen. Darüber hinaus konnten wir viel über die Stadtgeschichte Krakaus erfahren und einen Einblick in die Szene der modernen Kunst erhalten. Wir haben verschiedene Menschen getroffen, Diskussionen geführt, Erkenntnisse gewonnen und manche wieder verworfen Es wurden Ideen entwickelt, Pläne geschmiedet, Freundschaften geschlossen, Polnisch gelernt, Spaß gehabt, kulinarische Köstlichkeiten getestet, uns durch das polnische Biersortiment probiert, Piroggen gegessen, Fakten gelernt, Fakten erzählt und weitergegeben, Rätsel gestellt, erdacht und gelöst.